Interaktive Zeitreisen im (Freilicht-)Museum

Allein im Jahr 2015 gingen laut den Statistikern in Deutschland über 114 Millionen Menschen in die hiesigen Museen, besonders deutliche Zuwächse verzeichneten kulturgeschichtliche Spezial- und Kunstmuseen. Kein Wunder: Viele der über 6.500 Häuser hierzulande haben sich mit modernen Konzepten in attraktive und vor allem interaktive Ausflugsziele verwandelt. Denn „nur gucken, nicht anfassen“ – das war gestern! Längst hat man erkannt, dass der Museumsgast von heute mehr erwartet, ob er nun als Individualbesucher kommt oder in der Gruppe. Von der Schauspielführung über multimediale Stationen bis hin zum echten Anpacken und Mitmachen reicht mittlerweile das interaktive Spektrum, um hautnah und spürbar in die dargestellten Themen und Zeiten einzutauchen.

Erinnern Sie sich an den ARDVierteiler „Schwarzwaldhaus 1902“? Er war die TV-Überraschung des Jahres 2002. Lang, lang ist’s her. Abgesehen von sensationellen Einschaltquoten um die 20 Prozent gab es für die Dokumentation, für die die fünfköpfige deutsch-türkische Berliner Familie Boro für drei Monate Web, WC und Waschmaschine hinter sich gelassen hatte, auch einen der begehrten Grimme-TV-Preise.

Die Boros erlebten dabei auf dem 250 Jahre alten Kaltwasserhof (www.schwarzwaldhaus-muenstertal.de) in der Ferienregion Münstertal Staufen hautnah, wie das Leben zu Großmutters Zeiten „wirklich“ war. Mit allen Höhen und Tiefen: Wie harte Arbeit und fehlende Freizeit an den Kräften zehrten. Wie das Essen schmeckte und das Leben roch. Was es bedeutete, wenn das Vieh (oder der Mensch) krank wurde und die Ernte mager ausfiel.



Auf Zeit in die gute alte Zeit
Zugegeben, es müssen nicht gleich drei Monate sein, auch in drei Stunden kann man schon recht detailreich in „die gute alte Zeit“ reisen. Etwa in den vielen Freilicht- und Landesmuseen in ganz Deutschland: Ob Tuchherstellung, Töpfern, Buttern, Einmachen oder Vieh- und Landwirtschaft wie einst – nirgends sonst kann man so vielfältig eintauchen in das Leben unserer Vorväter.

 

Gerade im Sommerhalbjahr kann man dort zudem allerhand Events vom Kram- und Bauernmarkt übers Oldtimertreffen bis hin zum Erntedankfest oder Schlachtfest zum Reise-Anlass nehmen. Und vielerorts dann mehr tun als nur zuschauen!

Gerade als Gruppe kann man allerlei einmal selbst ausprobieren und zusammen erledigen. Zum Beispiel, ob man auch ohne Technik noch einen Teig geknetet und im Holzofen Brot gebacken bekommt – was dann ein schmackhaftes Souvenir für jeden Teilnehmer ist.

 

Also ganz so wie es anno 2002 die Boros als Bauernfamilie auf Zeit im „Schwarzwaldhaus 1902“ tatsächlich hinkriegen mussten – oder das Essen an diesem Tag eben eher karg und bescheiden ausfiel.



Mitmachen, ausprobieren, Hand anlegen
Doch es sind nicht nur die Freilichtmuseen, die immer interaktiver und „zeitreisender“ werden, wenngleich sie aufgrund ihres Ansatzes dafür prädestiniert sind. Kaum ein Museumsneu- oder -umbau der letzten Jahre hat das „Mitmachen“ nicht bewusst konzeptionell integriert. Und je mehr eine Ausstellung in andere Zeitfenster und/oder Länder entführt, umso mehr.

Gut zu wissen: Was hinter den Kulissen viel Aufwand bedeutet, gerade auch technisch, ist für den Besucher vorne jedoch kinderleicht zu handhaben – zumal die Museumsmacher immer öfter nicht nur auf die Interaktion zwischen Ausstellung und Besucher setzen, sondern auch zwischen den Besuchern selbst und über die Generationen hinweg.



Kurz mal ein anderer woanders sein

Beste Beispiele sind die beiden Leuchtturmprojekte in den Havenwelten von Bremerhaven. Im Deutschen Auswandererhaus (www.dah-bremerhaven.de) bedarf es keiner großartigen Verkleidung, um sich eine „Identität auf Zeit“ zuzulegen. Jeder Besucher wird hier nicht nur optisch in das Thema „Auswan-derung per Schiffsreise“ gekonnt einbezogen und mit raffinierten Inszenierungen selbst Teil verschiedener Reisestationen – mittels einer iCard wird er auch hörbar in eine andere Zeit versetzt und mit einer Aus-wandereridentität gekoppelt, die ihn – und er sie – durch die gesamte Ausstellung begleitet. Der Zufalls-generator entscheidet, „wer“ man wird und es ist gut möglich, dass zum gleichen Zeitpunkt noch 1, 2, 3 Besucher mehr nach der gleichen Auswandereridentität Ausschau halten. Auch so entsteht Interaktion!

 

Das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost (www.klimahausbremerhaven.de) dagegen bezieht seine Gäste noch einmal anders in die Schau mit ein – fröstelnd oder schwitzend zum Beispiel. Denn die simulierte Weltreise geht soweit, dass man das Klima der gerade besuchten Region tatsächlich erfühlen kann – modernster Klimatechnik sei Dank.

Im Deutschen Auswandererhaus ist man als Gruppe unterwegs und erlebt doch sein „eigenes“ Auswandererschicksal

Hinzu kommen allerlei Mitmachstationen, die zum interagieren anregen – bis hin zum jüngsten Ausstellungsbereich, dem im Vorjahr eröffneten
„World Future Lab“, wo die Welt wortwörtlich im Mittelpunkt steht. An acht Spielstationen kann man hier die Welt verändern, lernt seine persönlichen Stärken kennen und erfährt nach jeder bewältigten Aufgabe, wie andere das Klima (noch besser) schützen.



Open Air und doch gut bedacht

Wer Open Air unterwegs ist, muss dagegen das Wetter nehmen, wie es kommt – das liegt in der Natur der Sache und luftigen Inszenierung. Trotzdem steht hier niemand nur im strömenden Regen (oder in der prallen Sonne), schließlich ist der größte Teil der dort wiederaufgebauten und beispielhaft inszenierten Gebäude-Ensembles in aller Regel jedes für sich ein kleines Museum.

 

Ob und wie detailreich sie zum Leben erwachen, liegt im Ermessen der jeweiligen Kuratoren – und sorgt dann auch ganz unterschiedlich für Interaktivität.

 

So wurde etwa im Freilichtmuseum Glentleiten unweit von Murnau (www.glentleiten.de) eine über 100 Jahre alte, halboffene Kegelbahn wiederauf-gebaut. Die Attraktion ist vor allem für Gruppen und Vereine, die einen Besuch im Museum mit sport-lichem Vergnügen verbinden möchten, gedacht. Wie damals üblich, müssen die Kegel von einem „Kegelbua“ aufgestellt werden, der aus den eigenen Gruppenreihen gestellt werden muss. Auch so lässt sich vergangene Alltagsgeschichte hautnah erleben.

 

Im LVR-Freilichtmuseum Kommern am Rande der Eifel (www.kommern.lvr.de) wiederum kann man statt mit einem Guide auch per Geocaching das Gelände erkunden – benötigt werden GPS-Geräte oder Handys mit entsprechender Ausstattung und schon kann die „elektronische (Wissens-) Schatzsuche“ und Schnitzeljagd losgehen. Zudem gibt es dort – wie etwa auch im Freilichtmuseum Hessenpark (www.hessenpark.de) – eine ganze Reihe „erlebnisorientierter Projekte“, wo in der Gruppe Tätigkeiten von einst zusammen erledigt werden.


Kursangebot „Butter aufs Brot“ im Freilichtmuseum Glentleiten

Backtag im LVR-Freilichtmuseum Kommern

Ob Fachwerkbau, Flachsernte, Bienenwachskerzen oder das schon erwähnte Steinofenbrot – man sieht am Ende das Ergebnis seiner Hände (Gruppen-) Arbeit. Und darf es verzehren und/oder mit nach Hause nehmen.

 

Top: Über das gemeinsame Erarbeiten wird so nicht nur die Zeitreise viel lebendiger als durch bloßes Betrachten, auch die Interaktion der Gruppe
untereinander wird größer. Und das könnte für einen weiteren Reiseverlauf ja durchaus hilfreich sein …



Anklicken
Hinter www.vl-freilichtmuseen.de verbirgt sich eine Liste deutscher Freilichtmuseen, wahlweise sortiert nach Alphabeth oder Bundesländern. Praktisch: Für jedes Museum kann man eine Landkarte an- oder sich direkt zu deren Websites weiterklicken.

 

www.museumsverzeichnis.de (auch www.deutschemuseen.de) ist umfassender angelegt und hat den Anspruch, praktisch alle Museen hierzulande zu erfassen. Die Datenbank-Suche kann man nach Stichworten, Ort oder Postleitzahl eingrenzen – oder man wählt über die interaktive Karte den gewünschten Landkreis.

Ausprobieren
Der Internationale Museumstag verfolgt das Ziel, auf die Bedeutung und die Vielfalt der Museen aufmerk-sam zu machen. Begangen wird er immer unter einem bestimmten Motto: 2017 war dies beispiels-weise „Spurensuche, Mut zur Verantwortung“, in diesem Jahr lautete es „Netzwerk Museum: Neue Wege, neue Besucher“. Vormerken sollte man sich dafür den Mai, meist ist es der zweite Sonntag im Monat (2019: 19.05.); in der Regel ist der Museums-Eintritt an diesem Tag frei.

 

Tipp: Der Aktionstag ist eine gute Gelegenheit, neue Häuser zu erkunden, um sie später in Gruppenange-bote einzubinden! Infos unter www.museumstag.de.